Wäre ich noch mal neu in Deutschland

    Mittel
    Wladimir Kaminer
    Von Claudia May

    Der bekannte Schriftsteller wurde 1967 in Moskau geboren. 1990 kam er als jüdischvon: Jude = Person, deren Religion die Thora als Basis hatjüdischer der Kontingentflüchtling, -eAusländer, der durch einen speziellen Vertrag oder eine humanitäre Hilfsaktion nach Deutschland reisen darf und eine Aufenthaltserlaubnis ohne zeitliches Limit bekommtKontingentflüchtling in die die DDRkurz für: Deutsche Demokratische RepublikDDR. 1995 lernte er in Berlin seine russische Frau Olga kennen, mit der er zwei Kinder hat. Dieses Jahr hat Kaminer die Bücher einige (-r/-s)ein paarEinige Dinge, die ich über meine Frau weiß und Goodbye Moskau vorgestellt.

    Als ich vor 27 Jahren in Deutschland ankam, habe ich mir zuerst ein Flensburger gekauft. Ich hatte die ganze Zugfahrt mit Freunden über deutsches Bier philosophiert. Da war das nur logisch. Zum Glück habe ich dann den Tipp bekommen, dass es eine Unterkunft des Roten Kreuzes für der Flüchtling, -ePerson, die aus religiösen, politischen oder ethnischen Gründen aus ihrer Heimat weggegangen ist / weggehen mussteFlüchtlinge gibt. Dort bin ich hin – und habe dann auch eine sehr hübsche Aluminium-Verpackung mit etwas zu essen bekommen. „Guten Appetit“ stand da­rauf. Es war Reis mit Rindfleisch – und es hat wirklich geschmeckt! Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mich auf den zwei Tagen Zugfahrt nur von Orangen und Zigaretten ernährt hatte.

    Ich bin ein Hauptstadtmensch. Ich bin direkt von Moskau nach Berlin gefahren. Mit der Provinz nicht so viel anfangen können mithier: nicht so gern mögenkann ich nicht so viel anfangen können mithier: nicht so gern mögennicht so viel anfangen. Okay, ich habe dann doch das das LandlebenLeben in der StadtLandleben kennengelernt und ein Buch darüber geschrieben. In diesseitsauf dieser SeiteDiesseits von Eden – Neues aus dem Garten sich auseinandersetzen mithier: beschreibensetze ich sich auseinandersetzen mithier: beschreibenmich mit dem Dorfleben sich auseinandersetzen mithier: beschreibenauseinander. Und schreibe dabei auch nicht sehr nett über Rhabarber. Die Konsequenz: Ich bekam vor Kurzem ein Paket mit selbst gekochter Rhabarbermarmelade – und einer Einladung. Eine Berliner Flüchtlingsklasse, die Deutsch auch mit meinen Büchern lernt, wollte mich kennenlernen.
     

    Jetzt weiß ich: Deutschland rettet wirklich alles und jeden.


    Zu denen musste ich hin! Die Flüchtlinge wollten wissen, wie ich meine Ankunft in Deutschland erlebenhier: als Erfahrung machenerlebt habe. Das habe ich sie auch gefragt. Einer hat erzählt, dass er sich nicht wie ich zuerst ein Bier gekauft hat, sondern eine dicke deutsche Zeitung. Natürlich habe ich ihn gefragt, wiesowarumwieso. Er konnte nämlich noch kein Deutsch. Seine Antwort: „Alle haben mich in der S-Bahn komisch ansehenhier: sehr genau ansehen, was er machtkomisch angesehen. Deshalb habe ich mir wie andere auch eine Zeitung geholt, sie vor mich gehalten und so signalisierenhier: zeigensignalisiert, dass ich dazugehörenhier: Teil der Gesellschaft seindazugehöre.“ Das hat eine Woche lang ziemlich gut geklappt. Dann fingen die Leute wieder an, komisch zu guckenugs.: ansehengucken.

    Wenn ich erst jetzt ins Land kämeKonj. II von: kommenkäme, würde ich sicher einigeshier: vieleseiniges anders machen, zum Beispiel andere Jobs. Ich habe damals Prospekte mit Pizzawerbung verteilenhier: in die Briefkästen tunverteilt. Heute nehmen die die JungsPl., ugs.: JungenJungs ein Fahrrad, schauen in eine App und liefern Pizza oder Burger. jedenfallsauf jeden FallJedenfalls macht das mein Sohn so.

    Als ich 1990 ankam, wusste ich auch  noch fast nichts über das Land. Heute ist mir klar: Deutschland rettet wirklich alles und jeden. Aktuell rettet es Flüchtlinge, die Europäische Union, Griechenland, der Schwule, -nugs.: homosexueller MannSchwule in Tschetschenien, Straßenhunde in Kasachstan und die Deutsche Bank. Ich bin sehr neugierig, was als Nächstes kommt.

    Ich selbst schreibe jetzt erst einmal≈ in der nächsten Zeiterst einmal ein Buch über einen der Aussteiger, -Person, die nicht mehr in den gesellschaftlichen Normen leben willAussteiger, der auf die Kreuzfahrt, -enUrlaubsreise mit einem großen Schiff, bei der man in verschiedenen Häfen an Land geht und Ausflüge machtKreuzfahrt geht.

     

    In dem November-Heft von Deutsch perfekt beantwortenantworten aufbeantwortet nicht nur Wladimir Kaminer unsere Fragen, sondern auch acht andere interessante die Persönlichkeit, -en≈ wichtige PersonPersönlichkeiten, z.B. der äthopische Prinz Asfa-Wossen Asserate und der deutsch-iranische Dichter SAID. Sie alle erzählen von ihrem Start in Deutschland und sagen, was sie heute anders machen würden.  

     

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    Dieser Text ist aus der Zeitschrift Deutsch perfekt 11/2017. Das komplette Heft können Sie in unserem Shop kaufen. Natürlich gibt es die Zeitschrift auch bequem und günstig im Abo.

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