„Schon acht Tage keine Schokolade!“

    Fisch auf Teller
    Von Alia Begisheva

    Zwischen Karneval und Ostern liegt die die FastenzeitZeit in der man aus religiösen Gründen weniger isstFastenzeit. Das sind sieben Wochen, die viele Deutsche nutzen, um verzichten aufhier: freiwillig nicht kaufen/benutzenauf Dinge zu verzichten aufhier: freiwillig nicht kaufen/benutzenverzichten, die ihnen zwar viel Spaß machen, aber nicht gut für sie sind. Es macht also keinen Sinn, sieben Wochen Nein zum Putzen oder dem Vokabellernen zu sagen. Zum  Fasten gehört Leiden und Hunger. Man kann sagen, dass das Fasten die Zeit ist, in der die Deutschen die Hosen runterlassenugs.: etwas Geheimes über sich erzählendie Hosen runterlassen. Sie zeigen, süchtig nachso dass man täglich bestimmte Dinge braucht (z. B. Alkohol Schokolade oder Internet) sonst fühlt man sich schlechtwonach sie süchtig nachso dass man täglich bestimmte Dinge braucht (z.B. Alkohol Schokolade oder Internet) sonst fühlt man sich schlechtsüchtig sind.

    Fast 70 Prozent der Deutschen verzichten auf Alkohol, was tief blicken lassenviel Neues verratentief ((zu) tief ins Glas blickenzu viel Alkohol trinken; betrunken werdenins Glas) tief blicken lassenviel Neues verratenblicken lässt. Danach kommen Süßigkeiten, Fleisch, Fernsehen und Zigaretten. 18 Prozent lassen für sieben Wochen das Auto stehen. Auch das lässt tief blicken. Viele versuchen, dabei auch noch abzunehmen. Eine Freundin von mir gibt das Essen in dieser Zeit fast vollständigkomplettvollständig auf.

    Meistens erinnert man sich an die guten der Vorsatz, -sätze≈ Sache die man in Zukunft tun will oder nicht mehr tun willVorsätze, die man Anfang des Jahres beschlossen – und dann wieder aufgegeben hat. Die Fastenzeit gibt einem also eine zweite Chance, ein guter und schlanker Mensch zu werden.
     

    In Deutschland macht das Fasten größere Fortschritte als die Digitalisierung.


    Wie gut das klappt, zeigt mir mein Kollege Bernd, dessen Laune mit jedem weiteren Tag ohne Alkohol immer schlechter wird. Ich bete jeden Abend (bei einem Glas Wein), dass er nicht zu einem Monster wird. Auch diejenigen, die fasten und gut gelaunt sind, sind schrecklich. Weil sie wirklich jedem täglich von ihrem das MärtyrertumZustand ein Märtyrer zu sein (hier ironisch) (der Märtyrer, -: religiöse Person, die für ihren christlichen Glauben z.B. körperlich leidet oder auch stirbt)Märtyrertum erzählen: „Schon acht Tage keine Schokolade – und mir geht es so gut!“ Ich wundere mich, dass die Industrie hier noch keine Anti-die Sünde, -nhier: Handlung gegen religiöse/gesellschaftliche NormenSündenuhr anbietet, die den der Standhier: Wert; ZahlStand der die Verwandlung, -en≈ ÄnderungVerwandlung in einen guten Menschen anzeigenhier: ≈ zeigenanzeigt. Aber auch so eine Uhr ist irgendwann ein Opfer des Fastens. Denn der Trend zum Verzicht hat schon das Smartphone erreicht – und mit ihm Facebook, Twitter und Whatsapp. Manche verzichten sieben Wochen lang komplett auf das Internet. In Deutschland macht das Fasten größere Fortschritte als die die Digitalisierungvon: digitalisieren = so ändern dass alles mit Computertechnik funktioniert und kontrolliert wirdDigitalisierung.

    Aber Spaß beiseite.Was ich jetzt sage meine ich ernst.Spaß beiseite. Es macht überhaupt keinen Sinn, in dieser Zeit jemanden einzuladen. Früher habe ich mich geärgert, weil mein Geburtstag fallen inhier: sein während; stattfinden währendin die Ferienzeit fallen inhier: sein während; stattfinden währendfällt und niemand da ist, um mit mir zu feiern. Diejenigen, deren Geburtstag in die Fastenzeit fällt, haben aber größere Probleme: Es sind zwar alle da, trinken aber nur Wasser und wollen die Torte nicht probieren. Dabei erzählen sie von den Vorteilen des Verzichts. Passend dazu ist der Himmel so grau, dass man heulenhier: lange Laute produzierenheulen möchte wie ein der Wolf, Wölfewildes Tier das mit dem Hund verwandt ist und im Wald lebtWolf. Da hatte es Jesus in der Wüste bestimmt lustiger.

    Auch außerhalb der Fastenzeit praktizierenhier: im Alltag machenpraktizieren inzwischen ganz viele das Intervallfasten. Sie verzichten täglich auf das Frühstück, um auf die geplanten 16 Stunden Esspause zu kommen. Das Fasten annektiert immer neue Bereiche: Eine Bekannte verzichtet zum Beispiel das ganze Jahr über auf neue Kleidung. Und eine andere hat mir erzählt, dass sie so wenig Plastik verbraucht, dass ihre gelbe Tonne immer leer ist. Sehr vernünftig! Ich habe das Gefühl, dass dieses allgegenwärtigüberall und immer daallgegenwärtige Verzichten zum neuen das Spießertumspießiges Denken und Verhalten (spießig: ugs.: neg.: ≈ an Normen orientiert und langweilig)Spießertum wird. Jetzt muss ich aber dringend zum Mittagessen. Die 16 Stunden sind vorbei!

    Alia Begisheva wurde in Moskau geboren. Heute lebt die 43-Jährige mit ihrem kanadischen Mann und ihren zwei Kindern in Frankfurt am Main und weiß viel besser als viele ihrer deutschen Nachbarn, dass man Papier und Glas nicht in dieselbe Mülltonne wirft.

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