Reiseziel: Orbit

    Mittel
    Suzanna Randall
    Von Felicitas Wilke

    Seit sie tauchen(mit Geräten) unter Wasser schwimmentauchen kann, weiß Suzanna Randall ungefähr, wie es ist, schwerelosso, dass man ohne Gewicht istschwerelos zu sein. Irgendwie schweben≈ langsam durch die Luft fliegenschwebend. Aber im Wasser müssen Taucher manchmal ihre Beine bewegen, um vorankommenhier: sich vorwärts bewegenvo­ranzukommen. Versucht man das in der Schwerelosigkeit, dann passiert: nichts. „Man schwebt einfachhier: nichts anderes alseinfach, wenn man keinen Impuls hat“, sagt Randall und lacht. Über das Seil, -edünner, langer Gegenstand z. B. aus Nylon, an dem man sich halten kannSeile, der Gurt, -elanges, elastisches Ding, das man z. B. im Auto um den Oberkörper legt, um bei einem Unfall sicherer zu seinGurte und die Wände sich abstoßenhier: sich selbst mit der Hand oder dem Fuß von der Wand wegdrückenstößt man sich sich abstoßenhier: sich selbst mit der Hand oder dem Fuß von der Wand wegdrückenab, um voranzukommen. Klappt das nicht, verliert man schnell die Kontrolle – und hängt mit dem Kopf nach unten. Seit Anfang März weiß Randall, wie es wirklich ist, zu schweben. Die 38-Jährige hat es selbst ausprobiert, bei einem Parabelflug in Frankreich. Sie trainiert für eine Expedition ins das WeltallUniversum; KosmosWeltall – und könnte eine deutsche Pionierin werden.
     

    Elf Deutsche waren schon im All, aber alle waren Männer.


    Randall ist eine von zwei Finalistinnen der privaten Initiative „Die Astronautin“, die zum ersten Mal eine Deutsche ins All schicken möchte. Es ist 57 Jahre her, dass der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch im der WeltraumUniversum; KosmosWeltraum war und fast 49 Jahre, seit Neil Armstrong auf dem Mond stand. Auch elf Deutsche waren schon im All, aber alle waren Männer. Russinnen und Amerikanerinnen waren schon dort, eine Britin genauso wie eine Französin und eine Italienerin. Die deutsche Meteorologin Renate Trümmer kam Ende der 80er-Jahre zwar ins Finale für die Mission STS-55 und absolvierenhier: machen; bestehenabsolvierte ein Astronautentraining, aber ins All flogen 1993 zwei männliche Kollegen.

    Da die Europäische Weltraumorganisation (ESA) nur selten neue Astronauten sucht, will die Bremer die Raumfahrtmanagerin, -nenhier: Managerin einer Initiative für die Raumfahrt (die Raumfahrt: Entdeckung des Universums mit speziellen Fluggeräten)Raumfahrtmanagerin Claudia Kessler jetzt selbst eine deutsche Frau ins Weltall schicken. „Ich möchte damit ein das Vorbild, -erhier: Mensch, der ein positives Beispiel istVorbild schaffenhier: ≈ machen, dass es … gibtschaffen und mehr Mädchen für die Naturwissenschaft, -enz. B. Biologie, Chemie, PhysikNaturwissenschaften und den Beruf der Astronautin begeistern fürhier: machen, dass sich … interessiert fürbegeistern“, sagt Kessler. Mehr als 400 Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen und Pilotinnen wollten mitmachen, absolvierten Physik- und die Gedächtnisfrage, -n≈ Übung, um das Gedächtnis zu trainieren (das Gedächtnis, -se:, Speicher im Kopf, mit dem man sich an Dinge erinnern kann)Gedächtnisfragen und wurden ärztlich und psychologisch getestet. Wenn genug Geld zusammenkommt und die Crowdfunding-Kampagne gelingt, dann soll in zwei Jahren entweder die Meteorologin Insa Thiele-Eich oder die Astrophysikerin Suzanna Randall zur Internationalen die Raumstation, -enFluggerät im Weltall, in dem Astronauten sindRaumstation ISS fliegen.
     

    International Space Station


    Randall hat ihren Raumanzug vom Parabelflug eintauschen gegenhier: etwas ausziehen und etwas anderes dafür anziehengegen Jeans und Pulli eintauschen gegenhier: etwas ausziehen und etwas anderes dafür anzieheneingetauscht und sitzt an ihrem Schreibtisch in der Europäischen Süddie St¡rnwarte, -nGebäude, von dem aus man die Sterne genau sehen kann; ≈ Observatoriumsternwarte (ESO) in Garching bei München. Dort forschen zu≈ arbeiten, um mehr zu lernen überforscht sie forschen zu≈ arbeiten, um mehr zu lernen überzu pulsierenden blauen der Unterzwergstern, -e≈ extrem kleiner SternUnterzwerg­sternen und registriert Daten des ALMA-Teleskops der ESO, das in Chile steht. Von den Teleskopen aus schaut sie in den Weltraum. Aber dass ihr der Kindheitstraum, -träume≈ großer Wunsch, den man schon als Kind hatKindheitstraum wahrhier: wirklich; realwahr wird, dort auch hinzufliegen, hatte die Astrophysikerin kaum noch geglaubt. Schon zweimal war sie nämlich ziemlich kurz davor – kam aber doch nicht ans Ziel. Vor zehn Jahren bewarb sich Randall, als die ESA zum bis heute letzten Mal neue Astronauten suchte. Sie scheiternkeinen Erfolg habenscheiterte früh im das Auswahlverfahren, -Methode, die Besten aus einer Menge von Bewerbern zu findenAuswahlverfahren, „auch, weil ich damals naiv und schlecht vorbereitet herangehen anhier: beginnen; startenan die Sache herangehen anhier: beginnen; startenherangegangen bin“, sagt sie. Jahrelang ärgerte sie sich darüber – bis sie von der privaten Initiative las: ihre zweite Chance.

    Diesmal bereitete sie sich wochenlang vor, wiederholte die physikalischen Formeln, die sie aus dem Studium nicht kannte, übte Kopfrechnen und sich durchklickenhier: ≈ nacheinander anklickenklickte sich online sich durchklickenhier: ≈ nacheinander anklickendurch Konzentrations- und Gedächtnisübungen. Mit Erfolg: Im Auswahlverfahren war sie eine der letzten Sechs. Aber am Ende durften nur zwei Frauen mit dem Weltraumtraining beginnen, Randall war keine davon. „Ich war damals wahnsinnighier: ugs.: sehrwahnsinnig enttäuscht und hatte abschließen mit …hier: nicht mehr glauben, dass … klapptmit meinem Traum abschließen mit …hier: nicht mehr glauben, dass … klapptabgeschlossen“, sagt sie. Aber dann wollte Ende 2017 Nicola Baumann, eine der ersten zwei, doch nicht ins All. Erst jetzt bekam Randall die Information, dass sie die Drittbeste war. „Ich musste jaulen≈ Laute wie ein weinender Hund machenjaulen vor Freude“, sagt sie und lacht herzlich, wie so oft.

    Ihr Alltag war plötzlich ganz anders. Ihr Arbeitgeber hat ihre Arbeitszeit auf 70 Prozent reduziert, ihr Gehalt blieb das alte. Die restlichen 30 Prozent und viel Freizeit verbringt Randall jetzt als potenzielle Astronautin: Sie besucht Schulen, spricht mit Medien, fliegt Parabelflüge – und muss bald auch Russisch lernen. „Das ist auf der ISS neben Englisch die die Amtssprache, -noffizielle Sprache eines StaatesAmtssprache“, sagt Randall. Teil des As­tronauten-Trainings ist es auch, den der Flugschein, -eDokument, dass man ein Flugzeug fliegen darfFlugschein zu machen, das Wichtigste der Raumfahrt zu verstehen und ein das Überlebenstraining, -sTraining, wie man in einer gefährlichen Situation am Leben bleibtÜberlebenstraining zu absolvieren.
     


    Angst hat Randall vor alldem nicht, höchstens Respekt (haben)hier: vorsichtig sein, weil man nicht weiß, was passieren kannRespekt. Sie ist eine die Abenteurerin, -nenFrau, die nicht alltägliche und auch gefährliche Ereignisse liebtAbenteurerin. In ihrer Freizeit taucht sie nicht nur gerne, sondern blickt auch beim das GleitschirmfliegenFliegen mit einem Sportgerät vom Berg ins TalGleitschirmfliegen von oben auf die Welt. Astronautin wollte sie werden, seit sie als Achtjährige in der Zeitung Fotos vom Mars sah. Da wollte sie auch hin. Sie studierte Astronomie, ohne in den Naturwissenschaften eine sehr gute Schülerin gewesen zu sein. „Das Interesse ist entscheidendhier: sehr wichtigentscheidend“, findet Randall. Danach promoviereneine systematische Untersuchung machen, um den Titel Doktor zu bekommen (der Titel, -: hier: ≈ Name für eine Position)promovierte sie in Montreal in Astrophysik, als einzige Frau unter Männern. Immer wieder dachten andere, dass sie die Sekretärin ist. Das war nicht einfach für sie.

    Ihr Beispiel zeigt, dass sich noch immer wenige Frauen für ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden. Ein solche (-r/-s)von der genannten Artsolches – nur nicht Medizin – ist aber nötig, um Astronautin werden zu können. Ein Grund dafür, dass sich weniger Mädchen für Mathematik oder Physik interessieren, sind auch Geschlechterklischees, glaubt Randall. Mädchen bekommen früh zu hören, dass „Mathematik nichts sein fürhier: ≈ nicht passen zunichts für Mädchen nichts sein fürhier: ≈ nicht passen zuist“ und sehen im Spielwarenladen oder im Supermarkt die rosa Produkte für „Prinzessinnen“. Und die Jungen? Die sollen mutigohne Angstmutige Abenteurer werden. „Ich möchte Mädchen zeigen, dass man es als ganz normale Frau ins All schaffen kann“, sagt Randall. Sie will Vorbild sein. Darum besucht sie Schulen und erzählt von ihrem Beruf – und von ihrem Traumberuf.
     

    Ich möchte Mädchen zeigen, dass man es als ganz normale Frau ins All schaffen  kann.


    Dass es ihre private Initiative braucht, damit zum ersten Mal eine Deutsche ins All fliegen kann, findet die Frau hinter der Idee schade. „Das wäre eigentlich eine die Regierungsangelegenheit, -enetwas, worum sich die Regierung kümmern mussRegierungsangelegenheit“, sagt Claudia Kessler, die selbst Maschinenbau mit der Schwerpunkt, -ehier: wichtigstes FachSchwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat und eine die Zeitarbeitsfirma, -firmenFirma, die einer Person eine Stelle gibt, um sie an andere Firmen zu leihenZeitarbeitsfirma für Raumfahrtberufe leitet. Suzanna Randall sieht das ähnlich: „Die Regierung sollte das Thema vorantreibenmachen, dass etwas schnell passiertvorantreiben und Frauen gezielthier: mit Absicht; nach einem speziellen Plangezielt fördernunterstützen; helfenfördern“, sagt sie.

    Suzanna Randall oder Insa Thiele-Eich würden sieben bis zehn Tage auf der Raumstation bleiben, um den Alltag im All kennenzulernen und zu forschen. Zum Beispiel möchten sie herausfindenhier: entdeckenherausfinden, wie der weibliche Körper auf die SchwerkraftGravitationSchwerkraft reagiert. Ein noch längerer Aufenthalt auf der ISS wäre zu teuer. allerdings≈ aberAllerdings ist es noch nicht sicher, ob der Flug stattfinden kann. Rund 50 Millionen Euro müssen am Ende per Crowdfunding zusammenkommen, zurzeit liegen in der Kasse auf der Online-Plattform Startnext erst rund 70 000 Euro. Bis jetzt unterstützen Partner wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt das Projekt, indem≈ dadurch, dass …indem sie Randall und Thiele-Eich zu Trainings wie den Parabelflügen einluden. Um aber das ganze Training zu machen und die Flüge zu buchen, hermüssenugs.: brauchen; nötig seinmuss genug Geld hermüssenugs.: brauchen; nötig seinher. Suzanna Randall hofft auf Großsponsoren aus Wirtschaft und Politik. „Wenn das Projekt an der Finanzierung scheitern würde, wäre das sehr schade“, sagt sie.

    Und was, wenn es mit dem Geld klappt, aber am Ende Insa Thiele-Eich ins All fliegt? Natürlich hofft sie, dass ihre dritte Chance den Kindheitstraum endlich wahr macht, sagt Randall. „Aber wir sehen uns als Team und verstehen uns sehr gut“, klarstellendeutlich sagenstellt sie klarstellendeutlich sagenklar. Kein der Zickenkrieg, -eugs., neg.: Streit zwischen Zicken (die Zicke, -n: ugs.: d ≈ Frau, die schnell aggressiv wird)Zickenkrieg zwischen den Astronautinnen? Nein, sagt Randall. Das, findet sie, ist wieder so ein Geschlechterklischee.

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    Dieser Text ist aus der Zeitschrift Deutsch perfekt 5/2018. Das komplette Heft können Sie in unserem Shop kaufen. Natürlich gibt es die Zeitschrift auch bequem und günstig im Abo.

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