Kinderüberraschung

    Schwer
    Mann und Frau bei der Geburt ihres Kindes
    Von Anne Backhaus

    Es ist Samstag, zehn Uhr. das Diakonissenkrankenhaus, -häuserKrankenhaus, in dem früher nur Diakonissen die Kranken pflegten (die Diakonisse, -n: Frau, die nur für die evangelische Religion lebt, z. B. auch nicht heiratet)Diakonissenkrankenhaus Karlsruhe. Vor dem Fenster des Seminarraums blühen das Maiglöckchen, -≈ kleine Pflanze mit weißen Blüten, die intensiv riechenMaiglöckchen neben vielen Flaschen Bier, die noch zum Kühlen draußen stehen. Innen wird eine große Brezel unter ihrer die Frischhaltefolie, -nsehr dünnes Material aus Plastik zum Verpacken von LebensmittelnFrischhaltefolie warm. Kursleiter Martin Soder startet seine Powerpoint-Präsentation. Mehr als fünf Stunden lang wird der Gynäkologe werdenden Vätern Informationen zu Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett≈ Zeit von sechs bis acht Wochen nach einer Geburt, in der sich der Körper einer Frau erholtWochenbett geben. 50 Euro, Frauen verboten.
     

    Klar könnt ihr Alkohol trinken und eure Frau nicht, deswegen muss sie euch aber nicht jedes Wochenende betrunken irgendwo abholen.

     

    Soder trägt, wie fast alle im Seminarraum, Jeans und Hemd. Seine Sätze sind Sätze für Männer. Es sind Schwangerschaftstipps wie: „Klar könnt ihr Alkohol trinken und eure Frau nicht, deswegen muss sie euch aber nicht jedes Wochenende betrunken irgendwo abholen.“ Und es gibt „sportliche“ Ratschläge zur Geburt und technische für danach: „Die die Nabelschnur, -schnüre≈ dünne Verbindung, durch die ein Embryo im Bauch der Mutter Essen bekommtNabelschnur durchtrennendurchschneidendurchzutrennen ist im Prinzip nichts anderes als der der Übergang, -gängeÄnderung; WechselÜbergang von analog zu wireless. Kein Wunder also, dass das die Männer machen!“ Das das Männergetueneg.: ≈ extrem männliches VerhaltenMännergetue funktioniert überraschend gut. Die Kurs­teilnehmer lachen, machen sich Notizen. Sie fangen an, zu erzählen.
     

    Bitte draußen bleiben: Bei der Geburt ihrer KInder durften Väter lange Zeit nicht dabei sein.
    Bitte draußen bleiben: Bei der Geburt ihrer KInder durften Väter lange Zeit nicht dabei sein.


    Manche fürchten, es nicht aushaltenhier: Unangenehmes akzeptieren, wie es istauszuhalten, wenn ihre Frau vor Schmerzen schreit. Oder überall Blut ist. Sie haben Angst vor die Komplikation, -enhier: schlimmes (lebensgefährliches) ProblemKomplikationen. Die meisten wollen eine schöne Geburt mit ihrer Partnerin erleben. Sie haben gehört, dass das die Beziehung stärken kann. Sie hoffen, dass es der Sexualität nicht schadet. Jeder will ein guter Mann sein. Die Frau unterstützen.
     

    Männer können mit einer Bierflasche in der Hand tatsächlich einfacher über ihre Gefühle reden.


    Mehr als 90 Prozent der werdenden Väter begleitendabei seinbegleiten heute ihre Partnerin in den der Kreißsaal, -sälegroßer Raum für GeburtenKreißsaal. Aber oft können Männer dann gar nicht so richtig Fragen stellen. „Es darf einfach nur nicht sein, dass von uns heute erwartet wird, bei der Geburt dabei zu sein, und gleichzeitig kaum ein Mann Bescheid weiß, was das überhaupt bedeutet“, sagt Soder. Deshalb entwickelte er seinen Kurs. Der findet alle acht Wochen statt und ist immer schnell ausgebuchtso, dass es keine freien Plätze mehr gibtausgebucht. Sponsor ist eine die Brauerei, -en≈ Fabrik, in der Bier hergestellt wirdBrauerei aus der Region. „Sobald die meisten Männer eine Bierflasche halten, umschaltenhier: ≈ sich psychisch auf eine komplett andere Situation vorbereitenschaltet sich ihr das Gehirn, -eOrgan im Kopf, mit dem man denkt und fühltGehirn umschaltenhier: ≈ sich psychisch auf eine komplett andere Situation vorbereitenum: oh, eine entspannthier: unkompliziertentspannte Situation!“, sagt Soder. „Sie können mit Flasche in der Hand tatsächlich einfacher über ihre Gefühle reden.“

    In der Mittagspause holt Maik sich als Erster ein Bier. Einige andere tun das auch. Soder erklärt mit umgedrehter Bierflasche in der Hand, was es bedeutet, wenn sich der der Gebärmutterhals, -hälseunterster Teil der Gebärmutter (die Gebärmutter, -mütter: Organ, in dem ein Embryo wächst)Gebärmutterhals verkürzt und der der Muttermund, -münder≈ innere und äußere Öffnung am Ende des GebärmutterhalsesMuttermund öffnet: „Eine Gebärmutter aufgebaut seinhier: ≈ aussehen; ≈ gemacht seinist aufgebaut wie diese Flasche, oben hocken ( süddt.)sitzenhockt das Kind und der Flaschenhals hier, also der Gebärmutterhals, wird von was Festem zu was Weichem, wenn es so weit ist. Vorher hält er das Kind oben.“ Einige die Nachfrage, -nvon: nachfragen = im Detail fragenNachfragen, dann anschneidendas erste Stück wegschneidenschneiden sie die Riesenbrezel anschneidendas erste Stück wegschneidenan, reden durcheinander.

    Stefan: „Willst du die Nabelschnur durchtrennen?“
    Maik: „eherwahrscheinlicherEher nicht. Ihr?“
    Christian: „Das ist wohl gar nicht einfach, wie Leder schneiden.“
    Stefan: „Ich will auf jeden Fall.“
    Maik: „Zum Glück ist meine Frau total entspannt, sonst würde ich durchdrehenhier: ugs.: verrückt werdendurchdrehen.“
    Christian: „Ich darf nur oben stehen, das hat sie schon gesagt. Ich will da auch nicht dazwischen gucken, das ist nicht geplant.“
    Maik: „Auf gar keinen Fall!“

     

    Mehr zum Thema

    Im Mai-Heft von Deutsch perfekt geht es um Deutschlands Männer und Deutschlands Frauen. Hier finden Sie auch eine längere Reportage über Männer in Kreißsälen.

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