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    „Deutsch ist eine Männersprache“

    Mittel
    Deutsch perfekt 6/2021
    Konrad Duden
    Von Claudia May

    Frau Pusch, was ist eigentlich feministische Sprachkritik?

    Das ist Kritik an der Sprache aus einer … Sicht herausaus der Perspektive vonaus feministischer aus einer … Sicht herausaus der Perspektive vonSicht. Also untersuchen wir die Frage, wie die Frau in der Sprache behandelnhier: auf eine spezielle Art sein zubehandelt wird.

    Ist diese Frage schon ankommen inugs., hier: populär werden beiin der Gesellschaft ankommen inugs., hier: populär werden beiangekommen?

    Ja, absolut. Sie ist auch nicht erst jetzt angekommen, sondern schon vor längerer Zeit. Die Frauender/die Beauftragte, -nPerson mit dem offiziellen Auftragbeauftragten, die dann bald der/die Gleichstellungsbeauftragte, -nBeauftragte, der/die sich um gleiche Chancen und Garantien für Frauen und Männer kümmertGleichstellungsbeauftragte hießen, haben sorgen fürhier: machen, dass es … gibt; ≈ erreichendafür gesorgt. Denn sie wollten, dass Frauen genauso oft in der deutschen Sprache vorkommenhier: genannt werden; da seinvorkommen, wie sie auch in Wirklichkeit vorkommen.

    Sie wollen das auch. Wie kam es dazu, dass …?≈ Wie ist es passiert, dass …?Wie kam es dazu, dass Ihnen feministische Sprachkritik bis heute so wichtig ist?

    Meine Kollegin Senta Trömel-Plötz, die auch in Konstanz lehrenhier: an einer Universität unterrichtenlehrte, hatte 1978 den der Aufsatz, Aufsätze≈ Text zu einem speziellen ThemaAufsatz „Linguistik und Frauensprache“ publiziert. Sie wurde deshalb von einem männlichen der Sprachwissenschaftler, -Person, die Sprache systematisch untersuchtSprachwissenschaftler angreifenattackierenangegriffen – ich schrieb dann die die Verteidigung, -enhier: Brief als Reaktion auf KritikVerteidigung der Kollegin. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass die deutsche Sprache noch viel sexistischer ist, als ich dachte.

    Und was genau ist an der deutschen Sprache sexistisch?

    Erstens werden die meisten die Bezeichnung, -enhier: ≈ Name; WortBezeichnungen für Frauen ableiten vonhier: sich auf Basis von … überlegenvon Bezeichnungen für Männer ableiten vonhier: sich auf Basis von … überlegenabgeleitet: Aus der Lehrer wird die Lehrerin. Für Männer gibt es das nur im Tierreichbei den Tierenim Tierreich: aus die Ente, -nWasservogelEnte wird Enterich. Zweitens macht das generische Maskulinum Deutsch zu einer Männersprache. Allgemein geltenhier: so seingilt ja die Norm, dass ein der Unterbegriff, -ehier: Wort, das Teil einer Kategorie istUnterbegriff nicht mit seinem der Oberbegriff, -ehier: Wort, das repräsentativ/synonym für eine Kategorie istOberbegriff identisch sollte ... seinhier: es wäre gut, wenn … istsein sollte: Nehmen Sie zum Beispiel das Pferd. Das hat zwei Unterbegriffe: das weibliche Tier, die Stute, und das männliche, der Hengst. Oder das Wort die Eltern mit den beiden Unterbegriffen die Mutter und der Vater. Bei diesen beiden Beispielen ist der Oberbegriff anders als die beiden Unterbegriffe. Das sollte selbstverständlich sein.

    Beim generischen Maskulinum ist das nicht so.

    Genau. Das Maskulinum Bürger kann nicht den Status eines Oberbegriffs haben. Denn: Ober- und Unterbegriff sind identisch: der Bürger und die Bürger. Diese Identität Sinn ergebenSinn machenergibt nur dann einen Sinn ergebenSinn machenSinn, wenn ich die Bürgerin ausgrenzenhier: ↔ inklusiv behandelnausgrenzen und als untergeordnethier: weniger wertuntergeordnet behandeln will.

    Werden die Bürgerinnen denn anders behandelt?

    Bis 1971 durften Schweizerinnen nicht wählen. Die Begründung: In der die Verfassung, -enschriftliche Form für die wichtigsten Regeln in einem StaatVerfassung stand, dass jeder Schweizer wahlberechtigtso, dass man an politischen Wahlen teilnehmen kannwahlberechtigt ist. Von Schweizerinnen stand da nichts. Bei Strafen war es dann aber natürlich wieder anders. Bei Dingen wie „jeder Schweizer der seinen Nachbarn bestehlenstehlen vonbestiehlt, muss Strafe zahlen“ – da waren die Frauen natürlich mitgemeinthier: so, dass man auch … meint, aber nicht nenntmitgemeint. Die deutsche Sprache geeignet sein fürgut passend sein fürist wirklich hervorragend≈ sehr guthervorragend geeignet sein fürgut passend sein fürdafür geeignet, Doppelstandards durchsetzenhier: wirklich machendurchzusetzen und Frauen definieren alsals Definition sagen, dass … istals der Mensch zweiter KlassePerson, die weniger wert ist als andereMenschen zweiter Klasse zu definieren alsals Definition sagen, dass … istdefinieren.

    Und wie beenden wir das?

    Dafür gibt es radikale und gemäßigthier: ↔ radikalgemäßigte Vorschläge. Die Frauenbeauftragten haben immer gemäßigte Vorschläge gemacht. Ich fasse diese mit der Formel DNA zusammen. So gibt es die Doppelformen oder die Differenzierung, -enhier: Methode, die Unterschiede deutlich zeigtDifferenzierungen: Wähler wird dann zu die Wählerin oder der Wähler – oder zu Wählerinnen und Wähler. Das N steht für Neutralisierung: Es sind dann die Studierenden statt die Studenten. Und bei der Abstraktion wird aus der der Dekan, -ehier: Präsident einer FakultätDekan dann das das Dekanat, -eAdministration einer FakultätDekanat.

    Wie sehen radikale Ideen aus?

    Eine radikalere Lösung ist das generische Femininum. Das habe auch ich vorgeschlagen. Ich habe auch noch mehr radikale Ideen gehabt, wie bestimmte (-r/-s)spezielle (-r/-s)bestimmte Wortendungen einfach abschaffenhier: nicht mehr benutzenabzuschaffen.

    Was halten Sie denn von das Gendersternchen, -Symbol, z. B. in Leser*innenGendersternchen oder das Binnen-I, -sgroßes I in der Mitte eines WortesBinnen-I?

    Schon früher hatte man die Möglichkeit, zum Beispiel Bürger/innen zu schreiben oder Bürger(innen). Das war einem Journalisten zu kompliziert. Er hatte 1981 die Idee,
    das I groß zu schreiben. Ich habe das unterstützt. Der Genderstern war mal ein der Unterstrich, -ehier: kurze Linie unten am Wort, z. B. in Leser_innenUnterstrich. Den habe ich kritisch gesehen. Weil er das, was wir in rund 25 Jahren erreicht hatten, einfach ignoriert hat. Ich schlage als Kompromiss die Mischung von Binnen-I und Genderstern vor. Auf dem kleinen i ist dann das Sternchen statt des Punkts. Noch gibt es das aber nicht auf der die Tastatur, -enhier: Buchstabenset, zum Beispiel an einem Schreibgerät oder im HandyTastatur.

    Wie reagiert die die Sprachgemeinschaft, -enalle Menschen, die die gleiche Sprache sprechenSprachgemeinschaft auf diese Vorschläge?

    Die Kritiker – es sind übrigens mehr Männer – sagen immer gerne, man soll nicht rumfummeln anugs., hier: negativ: ändernan der Sprache „rumfummeln anugs., hier: negativ: ändernrumfummeln“. Viele von ihnen finden, dass die Sprache selbst ihr bester der Ratgeber, -hier: Sache, die Ratschläge gibtRatgeber ist und sie sich eigentlich fast autonom ändert. Aber das entsprechenhier: so sein wie; passen zuentspricht nicht der Sprachgeschichte. Menschen haben schon immer fleißig an der Sprache  „herumgefummelt“.

    Die Kritiker sagen immer, man soll an der Sprache nicht ,rumfummeln‘. Aber das haben Menschen schon immer fleißig getan.

    Und wie ist es bei gesprochener Sprache? Sollten zum Beispiel Nachrichtensprecher das Binnen-I mitsprechen?

    Ich finde das gut. Die Leute werden sich gewöhnen anhier: etwas oft hören, bis man es normal findetsich bestimmt schnell sich gewöhnen anhier: etwas oft hören, bis man es normal findetdaran gewöhnen. Sie müssen es nur oft genug hören. Ich habe genau das schon in den 80er-Jahren für das Binnen-I vorgeschlagen. Die Queer-Community hat nun den der Knacklaut, -e≈ kurze Pause bei der Aussprache, die der Intonation neue Energie gibtKnacklaut – auch kleine Pause genannt – auch für den Genderstern übernehmenhier: auch benutzen; adaptierenübernommen. Der Knacklaut zu Gehör bringenmachen, dass man … hört und merktbringt nun das Sternchen oder das Binnen-I zu Gehör bringenmachen, dass man … hört und merktzu Gehör.

    Sollten Lehrerinnen das nicht auch ihren Schülern schon in der Grundschule beibringenunterrichten in; zeigenbeibringen?

    Es ist für Kinder überhaupt kein Problem, wenn sie von Anfang an diese Dinge lernen. Dann ist das für sie völlig natürlich. Ich kenne viele Lehrerinnen, die den Kindern zum Beispiel die alphabetische Reihenfolge Femininum, Maskulinum und Neutrum und die, der, das beigebracht haben. Das widersprechenhier: nicht zusammenpassen mit; gegen … seinwiderspricht ziemlich unserer patriarchalischen Ordnung mit Maskulinum, Femininum, Neutrum oder der, die, das. Es ist ja eine die Rangfolge, -nHierarchieRangfolge in dieser Reihenfolge.

    Ist das für Deutschlernerinnen nicht zu kompliziert?

    Für Deutschlernende ist das Thema extrem wichtig! Wenn sie zum Beispiel aus dem Englischen übersetzen, so etwas wie baker, da stand bei mir in der Vokabelliste eigentlich immer Bäcker. Das ist aber falsch. Baker heißt Bäckerin/Bäcker. Wer dann vom Englischen ins Deutsche übersetzt, muss den Status quo der Debatte kennen. Auch eine Zeitschrift wie Ihre muss mit der Zeit gehenugs.: modern seinmit der Zeit gehen und diese Änderung der Sprache berücksichtigenhier: vor dem Schreiben denken anberücksichtigen.

    Wir versuchen, erst beide Geschlechter zu nennen und dann abwechselnhier: im Wechsel benutzenabzuwechseln. Ist das eine gute Idee?

    Das ist auch eine sehr schöne Option. Ich kenne ein Buch, das ganz in dieser Form geschrieben ist: Das kleine Etymologicum von Kristin Kopf. Die Autorin schreibt darin von Langobardinnen und Vandalinnen – einfach weil sie abwechselt. Das hat man so eigentlich noch nie gehört. Und genau deshalb ist es fantastisch.

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