Als Kapitän auf der Sea-Watch

    Mittel
    Carola Rackete auf der Sea-Watch
    Von Eva Pfeiffer

    Frau Rackete, wie wird man Kapitän? Oder soll ich Kapitänin sagen?
    Carola Rackete: Das Wort Kapitänin gibt es zwar offiziell, aber ich mag Kapitän lieber und nenne mich auch so. Ich finde, das klingenhier: zu hören seinklingt besser. Für den Beruf habe ich vier Jahre lang Seefahrt studiert und ein Jahr davon komplett auf dem Meer verbracht. Um schließlich als Kapitän zu arbeiten, braucht man viel praktische Erfahrung.
    Denn ein Kapitän navigieren≈ ein Schiff fahrennavigiert das Schiff nicht nur, sondern hat auch Management-Aufgaben – und natürlich viel Verantwortung. Ich bin eigentlich noch Erster der Wachoffizier, -e≈ Person, die auf einem Schiff mit Schichtbetrieb das Schiff fährt (der Schichtbetrieb: sich ändernde Arbeitszeiten, manchmal nachts, manchmal am Tag; der Offizier, -e: hier: Person mit hoher Position auf einem Schiff)Wachoffizier. In dieser Position komme ich direkt nach dem Kapitän. Die Schiffe in der Seenotrettung sind aber ziemlich klein, deshalb darf ich schon als Kapitän arbeiten.

    Wie kamen Sie zur Seenotrettung?
    Ich habe sich meldenhier: fragen, ob man mitfahren und mitarbeiten kannmich schon 2015 als Freiwillige bei Sea-Watch sich meldenhier: fragen, ob man mitfahren und mitarbeiten kanngemeldet. Aber damals suchte der Verein keine Leute mehr. Letztes Jahr bekam ich dann eine E-Mail: Es war ein Kapitän ausfallenhier: nicht mitmachen könnenausgefallen, und Sea-Watch brauchte spontan jemand Neuen. Zu dieser Zeit arbeitete ich auf einem Schiff des das Polarforschungsprogramm, -eProgramm für systematische Untersuchungen in den PolarregionenPolarforschungsprogramms British Antarctic Survey. Ich nahm mir einen Monat Urlaub und flog nach Malta, wo die Sea-Watch startete.

    Die Arbeit in der Seenotrettung wird nicht bezahlt. Helfen viele
    Freiwillige so wie Sie in ihrem Urlaub?

    einige (-r/-s)ein paarEinige machen das so, ja. Die meisten der Einsatz, Einsätzehier: HilfsaktionEinsätze dauern rund zwei Wochen, weil die Helfer nicht länger Zeit haben. Aber manche wollen länger mitarbeiten und haben deshalb ihren Job aufgebenhier: kündigenaufgegeben. Sie leben von dem Geld, das sie gespart haben. Das werde ich dieses Jahr auch tun.
    Geplant habe ich vier Monate im Sommer, diesmal für die Organisation Sea-Eye aus Regensburg. Die brauchen auch Leute. Ich sehe die verschiedenen Seenotrettungs-Organisationen als ein großes Team, denn allen ... geht es um ...hier: ... sehen ... als ihre Aufgabegeht es um dieselbe Sache.
     

    Sea-Watch-Aktion

    Wie ablaufen≈ passieren; stattfindenläuft ein Tag auf dem Schiff ablaufen≈ passieren; stattfindenab?
    Während eines Einsatzes arbeitet man pro Tag zwölf Stunden oder mehr. Das Team auf dem Schiff besteht aus bis zu 18 Menschen, darunterhier: zum Beispieldarunter sind Maschinisten, Elektriker, Ärzte und außerdem eine Person, die die Arbeit für die die Öffentlichkeithier: Medien und ihr PublikumÖffentlichkeit dokumentiert, also filmt, Berichte schreibt und Fotos macht.
     

    Während eines Einsatzes arbeitet man pro Tag zwölf Stunden oder mehr.


    Die das Flüchtlingsboot, -eBoot mit Personen, die aus religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder ethnischen Gründen aus ihrer Heimat weggehen/weggehen müssenFlüchtlingsboote starten meistens an den Stränden westlich von Tripolis, und die Schiffe der Seenotrettung fahren in der Region nach einem speziellen das Suchmuster, -≈ Art, wie gesucht wirdSuchmuster auf und abhier: ≈ auf speziellen Wegen hin und zurückauf und ab. Dabei sind wir immer in Kontakt mit der die Rettungsleitstelle, -nhier: Abteilung, wo alle Notrufe ankommen und die Schiffe zu den Notfällen schicktRettungsleitstelle Maritime Rescue Coordination Center, kurz MRCC, in Rom. Diese koordiniert die Einsätze der Schiffe.
    Wenn wir Menschen sehen, die Hilfe brauchen, müssen wir das dem MRCC meldenhier: mitteilen; informierenmelden. Gibt die Leitstelle dann das Signal, fahren wir auf kleinen Rettungsbooten zu den Flüchtlingen und helfen ihnen aus dem Wasser. Damit das ganze System noch effektiver und schneller funktioniert, will Sea-Watch dieses Jahr mit die Drohne, -nhier: Fluggerät ohne Pilot an BordDrohnen arbeiten.

    Wie viele solche (-r/-s)von der genannten Kategoriesolcher Rettungsaktionen gibt es pro Tag?
    Rackete:  Es können 40 Notfälle an einem Tag sein.

    40? Das sind viele.
    Mich ärgert an dem Ganzen die Rolle der Marineschiffe der die EUkurz für: Europäische UnionEU. Die sind viel besser ausgerüstethier: so, dass sie die Technik und Geräte an Bord haben, die man brauchtausgerüstet als die Schiffe der die NGO, -skurz für: NichtregierungsorganisationNGOs. Ich finde, die Seenotrettung solltehier: es wäre gut, wennsollte Aufgabe dieser Marineschiffe sein. Das MRCC bekommt aber keine Informationen über deren der Standort, -ehier: Ort, an dem ein Marineschiff istStandorte im Mittelmeer. Das macht eine Kooperation sehr schwierig.
     

    Mich ärgert die Rolle der Marineschiffe der EU. Die sind viel besser ausgerüstet als die Schiffe der NGOs.


    Was tun die Marineschiffe bei einem Notfall?
    Die helfen dann schon auch. Das Problem ist aber ihr Mandat. Der Auftrag der EU-Marinemission Sophia ist die Suche nach der Menschenschmuggler, -Person, die andere Personen illegal über internationale Grenzen bringtMenschen- und der Waffenschmuggler, -Person, die illegal Waffen verkauft (die Waffe, -n: Gerät zum Kämpfen, z. B. Pistole)Waffenschmugglern – und nicht die Rettung der Flüchtlinge. Und genau das ist meiner Meinung nach falsch.

    Es gibt auch Kritik an NGOs wie Sea-Watch. Ein Argument ist, dass sie zwar etwas gegen die Symptome der Flüchtlingskrise tun, aber nichts gegen deren die Ursache, -nGrundUrsachen – und dass sich die Situation so nicht ändern wird.
    Für die EU sind NGOs sehr praktisch. Die Regierungen lassen Schiffe wie die Sea-Watch arbeiten, unterstützen sie aber nicht direkt. So kann die Staaten niemand ... zum Sündenbock machenugs.: ≈ sagen, dass ... schuld istzum Sündenbock machen. Es stimmt nicht, dass wegen unserer Rettungsaktionen mehr Menschen über das Mittelmeer nach Europa flüchten. Sie flüchten wegen der schlimmen Situation in ihren Heimatländern.
    Für mich persönlich sehe ich vor allem die Aufgabe der Seenotrettung. Ich weiß nicht, ob das gute oder schlechte Menschen sind, denen ich helfe. Ich sehe aber, dass sie Hilfe brauchen. Auch weiß ich nicht, wie es für die einzelnen Flüchtlinge an Land weitergeht. Ich habe nicht die Ausbildung, um darüber zu entscheiden.
     

    Ich weiß nicht, ob das gute oder schlechte Menschen sind, denen ich helfe. Ich sehe aber, dass sie Hilfe brauchen.


    Was ist Ihre Motivation für die Arbeit als Freiwillige?
    Ich mache so etwas nicht zum ersten Mal. Früher habe ich zum Beispiel im der Naturschutzvon: Natur schützenNaturschutz gearbeitet. Es ist ganz einfach: Die Menschen in Seenot brauchen Hilfe.
    Von der EU bekommen sie die leider nicht, deshalb müssen es andere tun. Und zwar jetzt. Ich kann direkt helfen, und die Menschen sind dafür sehr dankbar≈ frohdankbar. Bei anderen Freiwilligenprojekten ist das anders. Da sieht man die Resultate seiner Arbeit erst viel später, manchmal erst nach Jahren.

    Also ist die Dankbarkeit der geretteten Menschen der Lohn für Ihre Arbeit?
    Es ist schön, das zurückzubekommen, ja. Auch denke ich: Worauf will ich später, mit 60, zurückschauen? Was habe ich dann mit meinem Leben gemacht?

    Aber Sie erlebenhier: die Erfahrung machenerleben nicht nur Positives. Über einen schockierenden Einsatz der Sea-Watch im Mai 2016 haben viele Medien berichtet. Sie waren dabei. Wie war das für Sie?
    Das war im letzten Jahr einer der schlimmsten Unfälle. Vor der libyschen Küste war ein Holzboot mit mehr als 300 Flüchtlingen darauf kentern≈ zur Seite fallen und sinken (sinken: hier: ≈ im Wasser nach unten fallen)gekentert. Auf solchen Booten Platz seingroß genug seinist für weniger als die Hälfte an Personen Platz seingroß genug seinPlatz. Als unser Schiff dort ankam, war die italienische Marine schon da und hatte einige Menschen retten können. Aber im Wasser schwammen viele die Leiche, -nKörper eines toten MenschenLeichen.
     

    Die Flüchtlinge sind nicht krank oder so. Sie sterben, weil der Weg über das Mittelmeer ihre einzige Möglichkeit ist, Europa zu erreichen. Es gibt keinen anderen Weg für sie.


    Mitglieder unseres Teams haben geholfen, sie zu bergenhier: aus dem Wasser holenbergen. Ich war nicht unterhier: beiunter ihnen, denn als Kapitän war ich auf der Brücke und habe den Einsatz geleitet. Ich war also nicht so nah dranugs.: in direkter Nähenah dran. Deshalb komme ich ganz gut mit den Erinnerungen zurecht. Das wäre aber sicher anders, wenn ich selbst auch Leichen aus dem Wasser gezogen hätteKonj. II der Vergangenheit von: ziehengezogen hätte.
    Viele kämpfen bis heute mit den Erinnerungen an diesen Einsatz. Mich machen solche Ereignisse vor allem sauerhier: ugs.: ärgerlichsauer. Die Flüchtlinge sind nicht krank oder so. Sie sterben, weil der Weg über das Mittelmeer ihre einzige Möglichkeit ist, Europa zu erreichen. Sie können sich nicht einfachhier: ohne Problemeeinfach ein Flugticket kaufen, es gibt keinen anderen Weg für sie.
     

    Flüchtlingsboot


    Bei der Aktion wurde ein Foto gemacht, das weltbekannt wurde: Ein Freiwilliger von Sea-Watch hält ein totes Baby im Arm.
    Das war Martin Kolek. Er hat inzwischen ein Buch darüber geschrieben: Neuland. Nach dem Einsatz herausfindendurch Fragen entdeckenfand er den Namen des Kindes herausfindendurch Fragen entdeckenheraus. Es hieß Mohamed.

    Auf das Foto haben einige Menschen sehr emotional reagiert. Ist es trotzdem so, dass sich gewöhnen anetwas oft tun oder sehen, bis man es normal findetsich viele sich gewöhnen anetwas oft tun oder sehen, bis man es normal findetan die Nachrichten und Bilder von der humanitären Katastrophe im Mittelmeer sich gewöhnen anetwas oft tun oder sehen, bis man es normal findetgewöhnt haben?
    Ich denke ja. Es braucht leider meistens ein größeres das Unglück, -ehier: UnfallUnglück wie das im Mai letzten Jahres, damit die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer den Menschen in Europa nicht egal sind.

    Wie geht es Ihnen, wenn Sie von einem Einsatz zurückkommen?
    Am Anfang ist es am schwierigsten, weil die Erinnerungen dann noch sehr intensiv sind. Niemand kann danach einfach so weitermachen wie vorher. Gespräche darüber mit Freunden oder Verwandten sind nicht leicht, weil sie nicht dabei waren und deshalb nicht so gut verstehen können, was man denkt und fühlt. Da entstehenhier: ≈ passieren, dass plötzlich ... da istentsteht schon eine Distanz. Jeder Katastrophenhelfer kennt das. Sea-Watch macht vor und nach jedem Einsatz eine Traumaberatung.

    Wie verbringen Sie aktuell die Zeit zwischen den Einsätzen?
    Zurzeit mache ich in Liverpool ein Masterstudium für Naturschutz. In Deutschland habe ich schon seit ein paar Jahren keine Wohnung mehr. Das habe ich so entschieden, um Geld zu sparen. Auch dadurch sich leisten könnenhier: bezahlen könnenkann ich sich leisten könnenhier: bezahlen könnenmir die Einsätze sich leisten könnenhier: bezahlen könnenleisten.

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    Dieser Text ist aus der Zeitschrift Deutsch perfekt 7/2017. Das komplette Heft können Sie in unserem Shop kaufen. Natürlich gibt es die Zeitschrift auch bequem und günstig im Abo.

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