Wer ist schuld?

    Blumen und eine Kerze liegen vor einem Foto von Chris Gueffrey, dass am Denkmal für die Opfer an der Berliner Mauer an der Bernauer Straße in Berlin zu sehen ist.

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    Transkript: Wer ist schuld?

    Vor 25 Jahren beginnt der erste von 112 Prozessen wegen der Toten an der deutsch-deutschen Grenze. Viele Menschen hoffen, dass die Justiz moralisch richtig entscheidet. Aber kann sie das?

    Es ist eine falsche Information, die tödlichso, dass jemand stirbttödlich sein wird. In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 gehen Chris Gueffroy und Christian Gaudian im Ostberliner Stadtteil Treptow zur Grenze. Die Freunde sind 20 Jahre alt und wollen nur eines: aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) weggehen. Sie glauben, sie könnten an diesem Abend ohne die Gefahr, -enhier: Risiko; ≈ schlimme ProblemeGefahr durch den Britzer Verbindungskanal in den Westberliner Stadtteil Neukölln fliehenhier: im Geheimen aus dem Land weggehenfliehen. Sie haben nämlich gehört, dass an der Grenze nicht mehr geschossen wird. Daran glauben sie, ein fataler Fehler.

    Gueffroy und Gaudian sind schon viel weiter in die Nähe der Grenze gekommen, als es erlaubt ist. Da beginnt eine Gruppe von vier der Soldat, -enPerson, die in Uniform für ein Land kämpftSoldaten, mit ihren Kalaschnikows auf sie zu schießen. Chris Gueffroy wird in ... treffenhier: von einem Schuss erreicht und verletzt werden (der Schuss, Schüsse: von: schießen)ins Herz in ... treffenhier: von einem Schuss erreicht und verletzt werden (der Schuss, Schüsse: von: schießen)getroffen. Er stirbt direkt an der Grenze. Sein Freund überlebennicht sterbenüberlebt mit Verletzungen an den Füßen.

    Chris Gueffroy ist der letzte Mensch, der an der Berliner Mauer stirbt. Christian Gaudian wird in einem geheimen Prozess zu einer die Gefängnisstrafe, -nStrafe, bei der eine Person für längere Zeit in ein Gefängnis muss (das Gefängnis, -se: Gebäude, in das kriminelle Personen geschlossen werden)Gefängnisstrafe verurteilennach einem Prozess eine Strafe bekommen (das Urteil, -e: ≈ Ergebnis der Untersuchung in einem Prozess)verurteilt. Im Herbst, wenige Wochen vor der Öffnung der Grenze, lässt ihn die DDR-Regierung in den Westen. Die vier Grenzsoldaten bekommen von ihren Kommandeuren eine die Urkunde, -namtliches DokumentUrkunde und Geld.

    Es ist Karin Gueffroy, die Mutter des Toten, die nach dem Ende der Mauer erreicht, dass die juristische die Aufarbeitungvon: aufarbeiten = Ereignisse analysieren und Ergebnisse öffentlich machenAufarbeitung dieser Nacht beginnt. 1990 Klage einreichen gegen ...erreichen, dass eine Untersuchung wegen ... von einer offiziellen Institution gemacht wirdreicht sie in Westberlin Klage einreichen gegen ...erreichen, dass eine Untersuchung wegen ... von einer offiziellen Institution gemacht wirdKlage gegen die Soldaten Klage einreichen gegen ...erreichen, dass eine Untersuchung wegen ... von einer offiziellen Institution gemacht wirdein, die an dem Abend, als ihr Sohn floh, an der Grenze in Treptow aufpassten. Die Männer, die ihren Sohn tötentotmachengetötet haben,  die dafür Geld und eine Urkunde bekommen haben, sollen bestrafeneine Strafe gebenbestraft werden. Am 2. September 1991 beginnt vor dem Berliner das Landgericht, -eGericht, das in der Hierarchie zwischen obersten und untersten Gerichten ist (das Gericht, -e: hier: öffentliche Institution: Dort wird entschieden, ob jemand eine kriminelle Sache gemacht und sich nicht an den Regeln des Staates orientiert hat.)Landgericht der Prozess. Damit fängt die Aufarbeitung eines der das traurige Kapitel, -hier: traurige Dinge, die in der Vergangenheit passiert sindtraurigsten Kapitel der deutsch-deutschen die Teilungvon: teilen = hier: aus einer Nation zwei Nationen machenTeilung an: das der Toten und Verletzten an der deutsch-deutschen Grenze.

    Schon vor dem Prozess um die tödlichen Schüsse auf Chris Gueffroy gibt es eine Debatte über die Frage, ob die der Angeklagte, -nPerson, die vor Gericht steht, weil sie vielleicht eine kriminelle Sache gemacht hatAngeklagten eigentlich bestraft werden können. Denn nach dem damals geltenden das RechtRegeln eines StaatesRecht der DDR haben die Grenzsoldaten getan, was sie mussten: Im das Grenzgesetz, -eschriftliche Regel zum Thema Staatsgrenze, die die Regierung macht und an der sich alle orientieren müssenGrenzgesetz stand, dass die Soldaten schießen sollten, wenn jemand illegal über die Grenze ging. Offiziell sollten die Soldaten „Grenzverletzer festnehmenfangen und ins Gefängnis bringenfestnehmen oder vernichtenhier: totmachenvernichten“. Jedes Mal, bevor sie an die Grenze gingen, wurden die Soldaten an diese Regeln erinnert.

    Die vier Männer, die im September 1991 vor Gericht stehen, sind nicht viel älter als die beiden Ostberliner, auf die sie geschossen haben: Drei der Angeklagten sind zum Zeitpunkt des Prozesses 27 Jahre alt, der jüngste ist 26. An der deutsch-deutschen Grenze mussten vor allem junge der Wehrpflichtige, -nPerson, die eine Ausbildung bei der Armee machen mussWehrpflichtige aufpassen.

    Der Prozess wird zu einem Spektakel. Die Angeklagten werden von bekannten Juristen aus der Bundesrepublik verteidigenhier: vor Gericht für die Interessen einer Person kämpfenverteidigt. Ein früherer der Offizier, -ePerson mit hoher Position bei der ArmeeOffizier der Staatssicherheit, der Geheimpolizei der DDR, muss als der Zeuge, -nhier: Person, die gesehen hat, wie eine kriminelle Sache passiert istZeuge aussagenhier: vor Gericht berichtenaussagen. Er sagt aber nichts – weil er immer noch meint, dass er das als Geheimpolizist nicht darf.

    Nach rund sechs Monaten spricht das Gericht im April 1992 die Urteile. Die der Richter, -Person, die eine öffentliche Position beim Staat hat: Sie spricht z.B. Strafen aus oder entscheidet bei einem Streit, wer recht hatRichter sagen, dass „nicht alles rechthier: richtigrecht ist, was Gesetz ist“. Ingo Heinrich, dessen Schuss Chris Gueffroy ins Herz traf, wird zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Andreas Kühnpast, der mit seiner Kalaschnikow mehrmals auf Gueffroy und Gaudian schoss, ohne zu treffen, bekommt zwei Jahre auf Bewährunghier: Strafe für eine vereinbarte Zeit, in der eine verurteilte Person nicht ins Gefängnis muss, wenn sie nicht wieder eine kriminelle Sache machtauf Bewährung. Peter Schmett, der nur auf die Füße der Flüchtenden schoss, wird freisprechenerklären, dass jemand nicht schuld istfreigesprochen. Auch der Chef der Gruppe, Mike Schmidt, wird freigesprochen: Er hatte nicht selbst geschossen, sondern den anderen das Kommando dazu gegeben.
    Durch den ersten der Mauerschützenprozes, -eProzess gegen Soldaten, die an der Berliner Mauer auf andere geschossen habenMauerschützenprozess werden wieder die gleichen Fragen wie bei den Prozessen gegen frühere Nazis ab 1945 aktuell: Wie sind Handlungen zu bewertensagen, ob etwas gut oder schlecht istbewerten, die nach den Gesetzen einer Diktatur ausführenhier: wirklich machenausgeführt werden? Muss jeder der Befehl, -eKommandoBefehl befolgentun, was jemand sagtbefolgt werden? Oder müssen Soldaten manche Befehle ignorieren?
    Wenige Tage nach dem Urteil im ersten Mauerschützenprozess kommt ein anderes Gericht in einem zweiten Prozess zu ähnlichen Urteilen. Beide Prozesse haben das Grundsatzurteil, -eEntscheidung eines höchsten Gerichts zu einem juristischen Problem, für das es bis dahin noch keine Lösung gab (der Grundsatz, -sätze: Prinzip; ≈ Gedanke, an dem man sich bei jeder Entscheidung orientiert)Grundsatzurteile des Bundesgerichtshofs (BGH) als Konsequenz, des höchsten deutschen Strafgerichts. Auch er bewertet die tödlichen Schüsse als kriminelle Handlung. So muss nicht jeder Befehl befolgt werden, wenn dadurch etwas das Wertvolleetwas sehr WichtigesWertvolleres in Gefahr ist – das Leben der Menschen, die fliehen.

    Trotzdem entscheidet der BGH: Ingo Heinrich, dessen Schuss Chris Gueffroy tötete, muss nicht ins Gefängnis. Denn der Grenzsoldat, so das höchste Gericht Deutschlands, stand „in der militärisch≈ bei der Armeemilitärischen Hierarchie ganz unten“.

    Mit diesen Grundsätzen erklärt der BGH die Richtung für alle späteren Prozesse. So endet kaum einer der insgesamt 112 Prozesse um Tote an der Grenze mit einer Gefängnisstrafe.

    Wie viele Menschen zwischen 1961 und 1989 an der deutsch-deutschen Grenze starben, ist bis heute unbekannt. Historiker sagen aber: Es sind mehrere Hundert. So starben an der Berliner Mauer mehr als 200 Menschen bei dem Versuch, in die Freiheit zu fliehen. Mehr als 600 Tote gab es an der deutsch-deutschen Grenze außerhalb Berlins. Die historische Aufarbeitung der Ereignisse ist auch 26 Jahre nach der Öffnung der Grenze und zwölf Jahre nach dem Ende des letzten Mauerschützenprozesses noch immer nicht abgeschlossen.

     

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