Alia Begisheva über das Vertrauen in Fahrpläne

    Deutschland- und Russlandfahne sowie Bild von Alia Begisheva

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    Transkript: Alia Begisheva über das Vertrauen in Fahrpläne 

    Solange der Bus oder die Bahn pünktlich kommen, ist die Welt der Deutschen in Ordnung. Aber unsere Lieblingsrussin Alia Begisheva weiß: Bei Verspätung gibt es nicht nur Ärger – der Glaube an das System ist in Gefahr.

    Ich möchte wettenhier: behauptenwetten, dass der deutsche Nahverkehr der beste auf der ganzen Welt ist. Das ist er schon deshalb, weil man sicher sein kann, dass der Bus kommt. In vielen Ländern ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich danke Deutschland dafür jedes Mal wieder. In meiner Heimat habe ich viele Stunden an Haltestellen gestanden, ohne Glauben, ohne Hoffnung und oft ohne Erfolg. Deshalb sage ich immer noch „Danke, Deutschland!“, sobald ich in der Ferne meinen Bus sehe.

    Dass der Bus kommt, ist sicherer als alles andere in diesem so sicheren Land. Sicherer als Öffnungszeiten, das Ladensortiment, -eWarenangebot im LadenLadensortimente, Arzttermine und das WeihnachtsgeldGeld, das man zu Weihnachten noch zu Lohn/Gehalt bekommtWeihnachtsgeld. Selbst wenn Letzteres eines Tagesugs.: an einem ganz normalen Tag (passiert etwas Spezielles, Unnormales)eines Tages gestrichen wird: Der Bus kommt. Deshalb ist der öffentliche Nahverkehr inoffiziell die wichtigste die Säule, -nhier: Komponente; Element; TeilSäule der gesellschaftlichen Stabilität in Deutschland. Vieles verändert sich, seltsame Parteien ziehen ins Parlament ein. Aber solange der Bus nach dem Busfahrplan fährt, ist die Welt noch in Ordnung. Deshalb ist auch das Vertrauen der Deutschen in die Fahrpläne echt und grenzenlos. Wie der Glaube an Gott.

    Fahrpläne gibt es in Deutschland für jedes Verkehrsmittel. An meiner U-Bahn-Haltestelle fahren drei Linien, alle in die gleiche Richtung. Der hier: Zeitintervallder Abstand, AbständeAbstand zwischen den Zügen beträgt höchstens fünf Minuten, in der Regel nur zwei. Und trotzdem gibt es für jede Linie einen Fahrplan. Und die Pläne werden auch gelesen. 

    auftauchenhier: (plötzlich) ankommenTaucht der Deutsche an einer Haltestelle oder an einem Bahnsteig auftauchenhier: (plötzlich) ankommenauf, schaut er zuerst auf den Fahrplan. Wenn die Bahn seit einer Minute weg ist, ist er traurig: Mist!ugs.: ≈ Wie ärgerlich!Mist, ich habe sie verpasst! Obwohl die nächste Bahn gleich kommt. Wenn laut Fahrplan der nächste Zug in einer Minute kommt, strahlenhier: sehr froh aussehenstrahlt der Deutsche: Na, da bin ich wohl gerade rechtzeitighier: genau passendrechtzeitig gekommen! Wenn der Bus laut Fahrplan bereitsschonbereits seit drei Minuten hätte da sein sollen, ärgert er sich. Ab sieben Minuten Verspätung fängt er an zu schnaubenhier: Luft laut durch die Nase abgeben und dadurch zeigen, dass man etwas ärgerlich findetschnauben. Ab zehn läuft er schnaubend hin und her. 

    Ich begrüßenhier: toll findenbegrüße das sehr. Das bedeutet, dass der Glaube an das System als solchesso, wie es istals solches ungebrochenhier: nicht weniger; gleich starkungebrochen ist. Der Bus muss pünktlich da sein! Der Deutsche ist noch bereit, für seine der Wert, -ehier: IdealWerte einstehen für …hier: … unterstützen; viel tun für …einzustehen. In Russland hingen die Leute an Bushaltestellen wie Würstchen, von ihren schweren Taschen gekrümmt↔ geradegekrümmt, vom System gebrochenhier: unglücklich; ohne Lebensmutgebrochen, ohne Protestwiderstandsloswiderstandslos und dem Schicksal ergebenso, dass man sein Schicksal so akzeptiert, wie es ist (das Schicksal, -e: Ereignisse im Leben eines Menschen, an denen er nichts ändern kann)dem Schicksal ergeben.

    Richtig kämpferisch wird der Deutsche, wenn ihm der Bus vor der Nase wegfahrenugs.: wegfahren, kurz bevor man einsteigen kannvor der Nase wegfährt. Das passiert leider, weil nicht nur der deutsche Fahrgast, sondern auch der deutsche Busfahrer an Recht und Ordnung glaubt. Und wenn in seinem Fahrplan die Abfahrtszeit 8.43 Uhr steht, dann fährt er um 8.43 Uhr los – auch wenn noch zehn Leute ihr Leben riskieren, um mitzufahren. In solchen Fällen schimpft der Deutsche und schreibt hinterherhier: zu einem späteren Zeitpunkthinterher Beschwerdebriefe. Der Nahverkehr ist den Leuten wirklich wichtig.

    Phänomenal finde ich, dass deutsche Busfahrer auch dann ihren Fahrplan einhalten, wenn sie an Haltestellen einfach vorbeifahren, weil niemand ein- oder aussteigen will. Ob der Nahverkehr wohl tatsächlich in Gottes Hand seinugs.: ≈ nicht von Menschen beeinflusst, sondern von Gott kontrolliert werdenin Gottes Hand ist?

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