Grenzenlose Liebe

    Mittel
    Britta Cusimano und ihr Mann.
    Von Claudia May

    Britta (52), Kundenberaterin aus Deutschland

    Sein der Standardspruch, -sprücheSatz, den man oft sagtStandardspruch: „Du bist schon nass, bevor es regnet.“ Meine Standardantwort: „Und du aufspannen(einen Schirm) öffnenspannst den Schirm erst (einen Schirm) öffnenaufspannenauf, wenn du schon nass bist.“ Das beschreibt unsere Beziehung ziemlich gut. Ich komme aus Hamburg, bin eine Strategin und plane alles ganz genau. Das merkt man schon bei meinem Hobby, dem stricken≈ mit zwei langen Metallteilen eine Handarbeit aus Wolle herstellenStricken: Ich starte erst, wenn ich die die Masche, -nhier: ≈ stabile Verbindung aus langen, dünnen Wollstücken mit einem Loch in der MitteMaschen für ein komplettes das Muster, -hier: Kombination aus Formen und FarbenMuster exaktsehr genauexakt kalkuliert habe. Anders Gianni: Er ist ein Improvisationstalent.

    Die Geschichte unseres zusammenkommenhier: ein Paar werdenZusammenkommens ist wirklich kurios. Wir sind damals mit einigeein paareinigen Freunden in sein Ferienhaus nach Ravenna gefahren. Wir alle waren Kollegen – Gianni hat in der gleichen Firma wie ich in München gearbeitet. Ich habe meinem damaligen Freund noch gesagt, dass er lieber nicht nach Ravenna mitfahren soll. Es wäre langweilig für ihn, wir würden bestimmt nur über die Arbeit reden. Aber Es kam anders.Es passierte etwas anderes, als man sich gedacht hatte.es kam anders, und nach diesem kleinen Italienurlaub zusammen seinugs., hier: ein Paar seinwar ich mit Gianni zusammen seinugs., hier: ein Paar seinzusammen.

    Bald waren wir zu drittdrei Personenzu dritt – unsere Tochter Francesca kam. Etwa vier Jahre später dann Luisa. Geheiratet haben wir am 26. Oktober 2001, genau an Francescas fünftem Geburtstag. Es war der dritte Versuch. Vorher waren immer irgendwelche Dokumente ablaufenhier: nicht mehr gültig seinabgelaufen. mal …, mal …hier: das eine Mal …, ein anderes Mal …Mal seine, mal …, mal …hier: das eine Mal …, ein anderes Mal …mal meine. Und auch dieser dritte Versuch hat nur geklappt, weil Gianni so spontan war. Genau einen Monat waren die Dokumente noch gültig. Er hat es schaffeneine schwierige Aufgabe mit Erfolg erledigengeschafft, sofort einen Termin beim Standesamt zu bekommen. Ich glaube, besonders seine Schwester war sehr froh. Sie musste nämlich immer die neuen Dokumente in Italien organisieren.

     

    Unsere italienische Lebensfreude finden unsere Nachbarn nicht immer toll.

    Giannis Eltern habe ich leider nie kennengelernt, sie lebten damals schon nicht mehr. Aber natürlich kenne ich seine vielen Verwandten in Sizilien. Wenn wir kommen, ist es wie in dem Film Maria, ihm schmeckt’s nicht. Wir sind überall eingeladen, es ist chaotisch, und immer gibt es etwas zu essen. Aber auch hier in Deutschland hat unsere Familie eherhier: ≈ mehreher den sizilianischen Rhythmus. Wir essen spät und gehen auch spät ins Bett. Diese italienische Lebensfreude finden unsere Nachbarn nicht immer toll. Außerdem haben Gianni und ich viel Temperament. Wenn in einer Diskussion dann die italienische und die norddeutsche Mentalität kollidierenhier: ≈ nicht zusammenpassenkollidieren, kann es laut werden. Aber nach jedem Gewitter scheint bei uns wieder die Sonne.
     

    Gianni (61), Restaurantchef aus Italien

    Bei uns treffen zwei Extreme zusammen, nämlich Hamburg und Sizilien. Wir kannten uns schon lange, haben in München in der gleichen Firma gearbeitet und waren zusammen in der die Betriebssportgruppe, -nSportgruppe einer FirmaBetriebssportgruppe Tennis und Squash. Britta und einige andere Kollegen haben sich dann in meine Ferienwohnung in Ravenna eingeladen. Ich habe Britta vom Zug abgeholt. Schon am Abend habe ich einen Gute-Nacht-Kuss von ihr bekommen. Mehr ist noch nicht passiert, aber es war klar: Da ist mehr als nur Freundschaft. Nach Ravenna waren wir ein Paar. Auch sonst hat sich in meinem Leben einigesvieleseiniges geändert: Die Firma, in der Britta und ich arbeiteten, aufgebenhier: für immer zumachengab ihren der Standort, -eOrt, an dem eine Firma istStandort in München aufgebenhier: für immer zumachenauf. Wir sollten nach Wiesbaden gehen. Das wollten wir aber nicht. Ich habe dann das getan, was ich schon lange tun wollte, und 1996 mein erstes eigenes Res­taurant eröffnenzum ersten Mal öffneneröffnet. Ich habe schon immer gern gekocht, auch wenn Britta oft nicht verstanden hat, warum ich sich Mühe machensich viel Arbeit machenmir jeden Tag so viel sich Mühe machensich viel Arbeit machenMühe mache: „Du kochst fast drei Stunden, und wir aufessenalles essen, sodass kein Rest bleibtessen das dann in 30 Minuten aufessenalles essen, sodass kein Rest bleibtauf?“

    Bald wurden wir auch eine Familie. Wir bekamen zwei Töchter: Francesca und Luisa. Jetzt fehlte nur noch die Hochzeit. Aber das war alles andere sein alsugs.: ≈ das Gegenteil sein vonalles andere als einfach: Meine Schwester hat meine Dokumente aus Italien organisiert. Aber als sie dann hier waren, haben wir gesehen, dass sie schon abgelaufen waren. Also hat sie neue Dokumente beantragt. Die waren dann gültig – aber inzwischen waren Brittas Dokumente abgelaufen. Unsere Tochter Francesca, damals fast fünf Jahre alt, war ganz außer sich seinugs., hier: sich sehr ärgernganz außer sich: „Schneewittchen schafft es, zu heiraten, Arielle schafft es, zu heiraten, und auch Dornröschen. Wieso ihr nicht?“ Aber beim dritten Versuch hat es dann geklappt.

     

    Schneewittchen schafft es, zu heiraten, Arielle schafft es, zu heiraten, und auch Dornröschen. Wieso ihr nicht?

    Ich bin schon mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen, denn ich wollte den Eltern auf der Tasche liegenugs.: die Eltern viel Geld kostenmeinen Eltern nicht länger den Eltern auf der Tasche liegenugs.: die Eltern viel Geld kostenauf der Tasche liegen. Also bin ich mit dem Zug losgefahren – und am der Brennerhier: Verbindung zwischen 
Österreich und Italien, 
auf der man die Alpen überqueren kannBrenner schnell durch das Toilettenfenster auf das Dach kletternhier: mit Händen und Füßen aufs Dach gehengeklettert. Mir war nämlich klar, dass man mich mit 15 Jahren sofort wieder zurückschicken würde. Aber mich hat keiner gesehen. Hinter der Grenze bin ich durch das Fenster wieder in den Zug gestiegen. Deutsch konnte ich noch nicht und habe es mir selbst beibringenunterrichtenbeigebracht.

    1972 habe ich dann in München beim Autofahren eine Straße gesucht und einen Mann danach gefragt. Er sagte: „Du fahrst (bayer.)fährstfahrst fire (bayer.)hier: geradeausfire, biegst ummi (bayer.)biegst abbiegst ummi und dann frogst (bayer.)fragstfrogst noch ammoi (bayer.)einmalammoi.“ Ich wusste sofort: Diesen Dialekt muss ich lernen. Deshalb bin ich von 1978 bis 1983 jeden Freitag von München  nach Altötting gefahren und habe Unterricht in Bayerisch genommen. Wenn mein Lehrer von damals heute anruft, um einen Tisch in meinem Restaurant zu reservieren, sagt er oft: „Gianni, deine Grammatik ist viel besser als die der meisten Deutschen.“
     

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    Dieser Text ist aus der Zeitschrift Deutsch perfekt 2/2017. Das komplette Heft können Sie in unserem Shop kaufen. Natürlich gibt es die Zeitschrift auch bequem und günstig im Abo.

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