Vorsicht, Tabu-Thema! MITTEL
Sex, Geld, Religion und Politik – über Themen wie diese reden Deutsche, Österreicher und Schweizer gar nicht gern oder nur unter Freunden. Die falsche Frage kann einen deshalb schon einmal in eine unangenehme Situation bringen, warnt Katja Hanke.
Seit zwölf Jahren kommt der US-Amerikaner Nathan Harrison regelmäßig nach Deutschland. Er hat viele deutsche Freunde, spricht die Sprache sehr gut, kennt Land und Leute. Aber eines findet er immer wieder seltsam: dass die Deutschen nicht über Geld reden. „Ich kenne meine Freunde seit Jahren, aber ich weiß nicht, wie viel sie verdienen“, sagt er. Interessieren würde ihn das schon. „Bei uns wird problemlos darüber gesprochen, vor allem unter Freunden“, sagt der 35-Jährige. „Wir fassen die Frage allgemein auf: Wie viel verdient man in einem bestimmten Job?“ Dass diese Frage in Deutschland viel persönlicher ist, musste Harrison erst lernen.
Über die eigene finanzielle Situation wird in Deutschland nicht gesprochen – anders als in vielen Ländern. In China zum Beispiel kommt die Frage nach dem Gehalt gleich nach dem Wetter, auch in Schweden ist sie normaler Small Talk. Jede Kultur hat ihre ganz speziellen Tabuthemen. Oft berühren sie die wunden Punkte einer Gesellschaft. „Dass man in Deutschland nicht über die persönliche finanzielle Situation spricht, hat wahrscheinlich mit einem Neidkomplex zu tun“, sagt Hartmut Schröder, Professor für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Der 57-Jährige beschäftigt sich seit Langem mit Tabus in verschiedenen Kulturen. „Wer viel verdient, befürchtet großen Neid, der sich für ihn negativ auswirken könnte“, sagt er. Wer wenig verdient, schämt sich.
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